Das anerzogene Körperbild

Die Medien sind’s! Das ist die gängige Theorie. Die die Kinder und Jugendlichen und ja, auch uns Erwachsene heutzutage durch ihr mediales, perfekt inszeniertes Körperbild prägen und gängeln. Ich muss ja zugeben, mich macht es auch irgendwann wuschig, wenn ich Tag ein, Tag aus nur die schönsten, schlanksten, glattesten, geliftetsten und gephotoshopptesten Menschen auf allen Kanälen sehe. Und darüber kann man sich tatsächlich zu Tode schreiben. Da ich aber „heute“ und in meinem Alter von einem medialen Figurendiktat recht wenig halte, will ich darauf auch gar nicht weiter eingehen. Und gönne mir ein großes, dickes Stück Schokolade. Weil ich’s kann! 😉

Was mich aber nicht los lässt, ist der Gedanke, dass die Medien NICHT alleine schuld sind! Sondern dass sie ausschließlich etwas unterstützen, dass uns auf anderem Wege mitgegeben wurde. Und diesen Weg finde ich viel schlimmer! Und gerade als Mami viel besorgniserregender. Ich bin jetzt nämlich so dreist und behaupte hier vollen Ernstes: Unser Körperbild ist anerzogen!

Damit meine ich tatsächlich das, was uns die Mutti, Tanten und Omas mitgegeben haben. In meinem Kopf so weit zu kommen, dass ich heute weiß, dass ich ok bin, war gar keine so eine einfache Sache. Und ich musste feststellen, dass ich auch heute, ohne Pubertät, noch manchmal ziemlich verschoben über mich denke. Dank meiner Mutter kam ich darauf. Für sie wollte ich Fotos von den Kindern raussuchen, blieb hängen und fand alte Bilder von mir. Aus Zeiten, in denen ich dachte: Ich muss abnehmen! Auf einmal war mir klar, dass ich das sehr häufig gedachte hatte. Fast immer was zu mäkeln hatte. Und es immer, wenigstens eine „furchtbare“ Problemzone gab, die es zu bekämpfen galt. Und sorry, das lag jetzt nicht daran, dass ich als Kind mit Barbies gespielt habe und mir irgendwelche Zeitschriften diktiert hätten, ich hätte jetzt so und so auszusehen.

Diese Dinge haben vielleicht unterbewusst mitgewirkt. Aber ganz ehrlich, eigentlich kenne ich meine Mutter als die Person mit dem „Du wirst zu dick-Drohfinger“ und der 300g-Tafel Schokolade in der anderen Hand. Ihr seht schon, es wird ein bisschen irre. Denn immerhin vollzog sich meine Kindheit zu Zeiten, in denen der Durst mit Orangenlimonade gestillt wurde und nicht mit Wasser. Welcome to the 80s.

Ich hatte als Kind ständig das Gefühl, das Aussehen war Thema. Und „in Ordnung“ war nur, wer schlank war. Meine Mutter nöhlte ständig über ihre Beine. Hups, das habe ich voll übernommen und auch ständig gemacht. Und ich hörte oft so Sätze wie „ihr Onkel stünde nur auf ganz große, schlanke Frauen“. Who cares? Ich hab den Kerl nie kennengelernt. Und nach ihrer Flucht ’59 hätte sie sich im Westen so vollgestopft mit Süßem, dass sie so dick geworden wäre, dass sie sich nicht getraut hätte, sich ihrer Jugendliebe, der damals zum Fußball-Match rüber kam, zu zeigen. Denn der hätte sie sicherlich nicht mehr erkannt. Und vor allem nicht mehr gewollt. Weil dick! Da horcht man als junges Mädchen schon zweimal hin. Einen Satz, den ich in meiner Pubertät auch oft hörte: „Die Twiggy war schuld, dass alle auf so Schlanke stehen. Ich sei halt eher die Marylin!“ Heute sag ich: Jo! Das war doch mal eine Frau die Kleidergröße 44 sowas von souverän und großartig zur Schau tragen konnte! Aber nicht nur meine Mutter konnte solche Sprüche bringen, auch meine Oma hatte das drauf. Ich würde jetzt ja gerne schreiben: Na gut, meine Familie hat eben eine totale Klatsche. Aber ich würde ungemein lügen, wenn ich nun behaupten würde, dass ich genau dieses Zeug nicht auch schon in anderen Familien gesehen und mitbekommen hätte! Und nicht nur in welchen, die ausschließlich Töchter groß zogen. Wenn wir uns jetzt mal alle ganz genau hinterfragen, dann bin ich gespannt, wie viele nun hier sitzen und sich sagen: Hoppla, stimmt! Das hab ich auch durch!

Früher sollte man „hübsch“ sein, um einen Mann „abzukriegen“. Heute zieh‘ ich nur die Veto-Karte und anderes bei solchen Aussagen.

Seit ich Kinder habe, mache ich mir oft Gedanken, wie ich ihnen ein gutes und gesundes Körperbild vermittle. Jetzt, seit ich auch eine Tochter habe, denke ich noch einmal vermehrt darüber nach. Und bin mir nicht sicher, ob schon dieser Gedanke allein, der Anfang allen Übels ist. Denn nach meiner Fotoerkenntnis wurde mir eins bewusst. Es sitzt in mir! In meinem Kopf. Und nicht wirklich auf meinen Hüften. Wahrscheinlich stand auch bei meiner Mutter und bei meiner Oma irgendwo ein Anfang, der sie das sagen ließ, was sie sagten. Und der sie das denken ließ. Über sich selbst wahrscheinlich genauso, wie über mich. Und sie können gar nichts dafür. Und das macht mir Sorgen, dass ich mich zwar bemühe, meine Kinder gar nicht damit zu belästigen und aufwachsen zu lassen, ihnen aber dieses kranke Bild unterbewusst mitgebe, weil es in mir verwurzelt ist.

Wenn ich nur am Bein-Beispiel von oben hängen bleibe, bekomme ich Schweißausbrüche. Es war nicht so, dass meine Mutter zu mir kam und sagte: „Guck meine Beine. Die sind hässlich.“ Nein, vielmehr hat sie sich selbst angemäkelt und dabei ausgeblendet, dass das Kind halt immer drumrum sitzt. Und schwups wurde die „Vorbildfunktion“ zur vollen Breitseite.

Ab dem Moment, ab dem die Kinder sprechen lernen, denkt man ja eh dauernd darüber nach: Hoppla, hab ich jetzt wieder „Scheibenkleister“ gesagt. Oder so. Da kommt es ja auch zu ganz seltsamen Vorkommnissen, wie dem Outing vor der Erzieherin, dass man zu spät sei, weil die Mama noch schnell „auf die Toilette“ musste. Leider sagen Kinder nicht „auf die Toilette“ und man möchte als Mama nach dem Ausspruch gerne umziehen. Aber diese ganz fiesen, unterbewussten Sachen, die man selbst als Kind mitbekommen hat, zu beobachten, zu erkennen und sie vor den Kindern nicht zu machen, ist schon ein ganz schön hartes Stück Arbeit.

Hier bin ich allerdings froh, dass wir heutzutage auch anders über Kinder denken. In meiner Kindheit waren Kinder eher halt nur so „da“. Ohne Willen, ohne Widerspruch, ohne Rechte, ohne Charakter, etc. Man hat halt noch nicht so voll gezählt, wenn man die 1,50 m noch nicht erreicht hatte. Da kam man wahrscheinlich auch noch nicht auf den Gedanken, dass Kinder das voll aufsaugen, was man so sagt und von sich gibt.

Heute ist klar, Kinder sind vollwertige Menschen mit großer Wissbegier. Sie saugen einfach alles auf, was man vor sich her brubbelt. Auch oder gerade das, was gar nicht für sie bestimmt ist. Und tragen es weiter. Vielleicht hilft dieses Wissen ja einfach nicht in die gleiche Kerbe zu schlagen, wie manche Mamis, Tanten und Omas früher. Hui-jui-jui, da will man gar nicht wissen, was sich die Erzieher damals für ein Bild von dem Daheim jedes Kindes gemalt haben. Das versöhnt mich ja ein bisschen mit meiner schrägen Erziehung übers „Dicksein“. Denn heutzutage verschwenden wir ja mal einen kurzen Gedanken daran, was unsere Zwerge in Kita oder Schule sagen könnten. Damals kreisten eher die Gedanken darum, was der Nachbar, der Pfarrer, die Bäckersfrau dachten. Nicht aber was Kinder nach belauschtem (Selbst-) Gespräch dachten. Muahahaha, ein Schelm, wer jetzt den Gedanken weiterspinnt. Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals.

Mein Bäcker, der Frauenversteher 🙂 !

Ich versuche mir nach diesen ganzen Gedankengängen meine körperliche Lockerheit zu bewahren. Mich im Blick zu behalten. Und hoffe, dass das der richtige Weg sein wird, um meine Kinder mit aufrechter Haltung und wunderbarem Selbstbewusstsein in die Pubertät zu entlassen. Die ist eh hart genug. Und dann werde ich mich wohl an den Medien und Kleidungsriesen aufreiben. Denn wie ich erst kürzlich im SZ-Magazin las, kann das auch zum blanken Horror werden.

Das ganze Gegrübel hüpfe ich mir einfach wieder aus dem Kopf. Zeige meinen Kids, dass man eben sportelt, weil Bewegung Spaß macht. Und versuche weiterhin ihnen beizubringen, dass das äußere Erscheinungsbild nicht alles an Wichtigkeit einnehmen sollte. Weil es da einfach noch so viel mehr gibt.

In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Teilnehmer oder Leser.

Ich muss diesem Beitrag noch etwas anfügen. Etwas gerade Erlebtes. Was mich wirklich aufschnauben lässt und ließ. Gerade sprach mich im Fitnessstudio eine ältere Frau an. Ich möchte sie nicht Dame nennen! „Haben Sie so etwas schon mal gesehen?“ fragte sie mich mit missmutigem Ton in der Stimme und deutete auf zwei Mädels im hinteren Teil der Umkleidekabine. Und ja, die beiden Mädchen waren dick. Aber sie waren da! Und zogen sich um, um Sport zu machen! Mir entfuhr nur ein ganz schlecht gelauntes: „Und???!!! Jeder darf doch so sein, wie er will!!!“

Liebe ältere Damen und Herren, wo kommt das her? Und ich weiß, ihr habt das nicht alle. Aber sagt man sich nicht selbst, nach Jahren eines gelebten Lebens und vielen gesammelten Erfahrungen, dass dieses bewerten von Menschen, die man nicht kennt, so was von vollkommen daneben ist? Und gerade diese Aversion gegen Dicke? Wer hat das erfunden? Und was ist es, dass uns Menschen lieber demotivieren lässt, als ihnen zu sagen: „Hey, cool, dass ihr hier seid und euch aufs Laufband stellt.“ Bei jüngeren Leuten kann ich mir ja noch wenigstens einreden, die sind noch n bisschen doof, unreif und/ oder haben nicht nachgedacht. Aber ab einem gewissen Alter muss einem doch klar sein, dass so eine Einstellung überhaupt nichts bringt, außer Verzweiflung, Wut, Traurigkeit und noch mehr all dieser miesen Gefühle. Und was hab ich mal gelernt? Was man nicht will, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! In diesem Sinne hoffe ich nicht, dass die ältere Frau ständig beschimpft wird. Sage aber auch, das Problem hat sie. Nicht die Mädels. Die nehmen auf dem Laufband nämlich ab. Das andere Problem sitzt im Kopf und ist viel schwerer los zu bekommen, als ein paar überschüssige Pfunde. Daher eine Runde Mitleid von mir und ein Peace für alle anderen!


6 Gedanken zu “Das anerzogene Körperbild

  1. Meiner Erfahrung nach, ich habe zwei Kinder, sind es ab einem gewissen Alter nicht mehr die Eltern, die da die „Vorbildfunktion“ haben, sondern eher Gleichaltrige, Influencer, „soziale“ Gruppen und was weiß ich nicht noch, die „VorBilder“ vermitteln. Man kann dann eigentlich nur noch darauf hoffen, dass man es vorher richtig gemacht hat. Wobei das wahrscheinlich irrelevant ist, weil sich die Kinder, in dem Alter, dann schon eigene Meinungen bilden. Meiner Erfahrung nach, beginnt dieser Prozess schon in der Grundschule.

    1. Das ist tatsächlich auch der Punkt auf den ich schon mit einem dicken Durchatmen hin blicke. Und du hast recht. Der ist tatsächlich schon etwas bei meinem Großen in der ersten Klasse zu erkennen. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar.

  2. Du hast SO SO SO recht! Mit jedem einzelnen Wort! 😃👍 Ein wundervoller Beitrag! Mir ging’s als Mädchen/junge Frau in meiner Familie genau so wie dir! So cool, dass du das Dilemma so zu Papier gebracht hast 🙂 aus dem Blickwinkel hatte ich das nämlich noch gar nie betrachtet

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