Silvester auf dem Lande

Wenn man mich fragt, dann ist der schönste Ort auf der Welt Berlin. Ohne wenn und aber. Dann überlege ich kurz und muss doch ein „Aber“ einlegen. Nämlich „aber an Silvester müssen wir weg!“ Hier beginnt für mich die große Stadtflucht. Was mit 15 Jahren vielleicht noch witzig war, mit 25 Jahren erträglich, mit 35 Jahren schon voll doof, das ist jetzt mit über 40 und Kindern zum No Go geworden. Die verdammte Knallerei. Wenn ich jetzt mal richtig, richtig zynisch und sehr böse sein darf, dann würde ich sagen, dass man in Berlin in der Silvesternacht das Gefühl bekommt, man würde in das Jahr 1945 reinfeiern.

Bei allen, die diese Jahre in Berlin durchmachen mussten, entschuldige ich mich aufrichtig für diesen etwas unsensiblen Vergleich. Alle anderen, die denken das gehört halt dazu, die halte ich für doof. Und hier mache ich leider auch vor Familie und Freunden nicht halt. So lieb ich manche auch habe.

Aber sei es drum, ich hoffe weiterhin auf ein Verbot und verziehe mich nun mit Kindern und Kegel aufs Land. Zum Glück sind unsere Nachbarn in die Nähe des Zittauer Gebirges gezogen, auch wenn wir sie sonst an 364 Tagen in Berlin leidlich vermissen. Aber am 31.12. nisten wir uns bei ihnen ein und genießen das trubelige und gemütliche Beisammensein auf dem alten Bauernhof, den sie zu ihrem Domizil umgebaut haben. Mein Sohn ist eigentlich dauernd weg. Bei den Katzen. Oder beim Holz umschichten. Oder einfach nur im Garten. Die Kleinen lassen wir im Wohnraum herum krabbeln und machen währenddessen einen Plan, was noch alles besorgt werden muss für die große Sause. Die anderen bereiten schon einmal alles vor und schnippeln was das Zeug hält. Hier geht es ja ums schmausen und nicht nur ums zündeln in der Silvesternacht.

Durchhalten-erst-halb-zwölf
Durchhalten – erst halb Zwölf

Schon dieses gesellige Zusammensein leitet den Wechsel ins Neue Jahr gekonnt ein. Ich werde eben spießig. Aber zum Glück mit ganz viel Spaß, ohne Tinnitus und ohne abgekokelte Finger.

Ganz kommt man hier ums Raketenfest natürlich auch nicht herum, aber nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Die Kinder und Männer sind glücklich. Und ich habe mich mit dem anderen, an Raketen desinteressiertem Volk in dieser Zeit um den Sekt gekümmert. Kurz, wir sind auch happy. Jetzt kann die Musik hochgedreht werden, denn um uns herum ist nichts und es wird ausgelassen gefeiert. Ich lege mit meinem 6Jährigem auf dem Arm eine Tanzeinlage hin und freue mich daran, dass das Training des vergangenen Jahres, mich nicht unter seinem Gewicht zusammenbrechen lässt. Er hängt schon schlaftrunken auf mir, weigert sich aber, ganz aufzugeben. Meine bessere Hälfte steht locker entspannt an die Küchentheke gelehnt und wippt zum Beat mit dem Kopf. In einer Hand ein Glas Wein, in der anderen unser Video-Babyphon. Und wenn wir, meistens die Kinder und ich zuerst, nicht mehr können, verziehen wir uns alle in die oberen Schlafgemächer und schlummern zu gedämpft wummernden Bass ein. Mein Mann schafft das feiern immer etwas länger und drängt sich meist ein bis zwei Stunden später gekonnt auf das Matratzenlager. Das ist nicht so leicht, die Kinder schlafen nämlich gerne quer.

Und trotzdem wachen wir am nächsten Morgen ausgeruht aus, weil uns kein Straßengeknalle bis um 5 Uhr morgens den Schlaf geraubt hat.

Nach einem leckeren Frühstück mit der ganzen angereisten Truppe, von uns Stadtflüchtern gibt es noch mehr, geht’s auf den Berg.

aufdenberg
Aufstieg mit der ganzen Stadtflüchtertruppe

Oder Schlittschuhlaufen. Die Wanderungen genieße ich besonders. Kein katergeschwängertes Rumgegammel am 1.Januar. Sondern eiskalte frische Luft, die einem das Hirn freipustet. Eine tolle Aussicht von oben. Es gibt für mich eigentlich keinen besseren Start ins Neue Jahr. Ich besehe mir die Welt von oben.

Aussicht-von-oben
oben

Sehe wie klein wir eigentlich alle sind. Fühle mich frei und gut. Und weiß, jetzt kann ich in ein Neues Jahr starten. Und falls es Problemchen gab und gibt, dann werden die von meinem aufgetankten Ich hinweggefegt. Juhu!

Und wenn dieses zauberhafte Gefühl schwindet, dann stelle ich mich für ein paar Endorphine wieder aufs Trampolin. Das war übrigens auch eines der ersten Dinge, die meine Nachbarin bei Google hinterfragt hat: Jumping in Zittau? Gibt’s! So hüpfen wir  uns nach Silvester, aneinander denkend an unterschiedlichen Orten, glücklich.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen fantastischen Rutsch ins Neue Jahr und viel Glück in 2019! Und auch im kommenden Jahr freue ich mich auf euch, ob als Leser oder Teilnehmer.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s