Die Nerven gezerrt

Wow, schon fast an die zwei Wochen gab es keinen Beitrag von mir. Wer nun denkt, dass ich mich im Urlaub oder einer Erholungspause befand, den muss ich leider enttäuschen. Es blieb einfach liegen. Wie so vieles dieser Tage. Und so zerre ich mir langsam, aber akut die Nerven.

Wer mich nun, angeschlagen wie ich bin, in irgendeine Verschwörungstheorie zerren möchte, der schweige bitte gleich. Dafür habe ich keine Zeit und eben keine Nerven mehr. Hier geht es mir so, wie mit den systemrelevanten Berufen. Vor denen habe ich, auch außerhalb dieser Zeiten, schon immer meine Hochachtung. Deshalb stand ich auch nicht klatschend auf irgendwelchen Balkonen rum, sondern plädiere weiterhin, wie davor schon, für bessere Bezahlung und mehr Anerkennung. So wie ich eben bei Verschwörungstheoretikern schon immer ganz im Berliner Jargon gerne sage: „Schweig oder es klatscht gleich. Aber keen Beifall!“

Aber zurück zu meiner Nervenzerrung. Nun sitze ich hier in einer Art seniler Bettflucht und schreibe um 2.30 Uhr morgens …. ? …. nachts!… diesen Beitrag. Denn ich liebe meine Schreiberei. Ich brauche sie. Und sie ist eben meins. Und gehört zu mir. Wie Sport machen. Ha!

Das sollte ein trockenes Lachen sein. Ihr könnt euch jetzt denken, dass es mit dem Sport genauso aussieht, wie mit dem Blog. Zappenduster. Das fiese daran ist, dass ich meine Sportgeräte ständig vor Augen habe. Ständig auf Videos und Bildern Menschen sehe, die derzeit „nur“ Sport machen. Und, auch wenn ich am Beginn dieser Phase noch lockerflockig sagte: „Nö, die Zeit dafür nehme ich mir einfach und das andere arbeite ich später ab.“, so bin ich nun als Working-Mum in einem momentan unrelevanten Job, der aber trotzdem auf seine Erledigung wartet, mittlerweile so mit Arbeit begraben, dass das in drei Jahren nicht abgearbeitet ist. Blöd ist, mich demotiviert so was. Ohne Sport und schreiben, komme ich nicht morgens zu meinem Arbeitsstapel und kremple mir mit einem breiten Lächeln die Ärmel hoch und sage: „Packen wir’s an!“ Nö, ich möchte zur nächsten Tanke und den Stapel benzingetränkt anzünden, dann geh‘ ich nicht mehr ans Telefon, öffne keine Social Media Kanäle mehr und kippe mir erst mal einen Aperol Sprizz hinter die Binde, weil ja wenigstens die Sonne scheint. Vor allem kippe ich aber abends einfach aus den Latschen. So früh, dass ich eben um halb drei wach bin. Und das liegt nicht am Alkohol, denn wie sich vielleicht der ein oder andere denken kann, lasse ich meinen Schreibtisch nur in meinem Kopf in Flammen aufgehen. In der Realität versuche ich mich durch diesen Wust an Aufgaben und Aufträgen zu wühlen und habe eben doch schon längst den Überblick verloren.

Ich habe es nicht so mit Ordnung. Meine Theorie: Das Genie beherrscht das Chaos. Aber derzeit hat das Chaos bei mir Überhand genommen.

Ein Vorteil wäre nun Prioritäten setzen zu können. Ich kann es nicht. Ganz einfach deshalb, weil ich bemerke, wie ich ohne „meins“, den Blog und den Sport immer unkonzentrierter und auch gereizter werde. Ich brauche es einfach um mich zu erden. Ohne bin ich nicht leistungsfähig. Punkt. So stehen wir also wieder am Anfang des Teufelkreises. Nun neige ich ja auch dazu, mich gerne selbst zu geißeln und zu sagen: „Guck ma‘ andere schaffen es doch auch ohne gleich Schnappatmung zu bekommen!“ Meine innere Reaktion auf diese Art „vergleichsoptimistisch anspornende Vernunftsheuchelei“: „Nö! Icke aba nich‘!“

Und in der Tat kann ich zum ersten Mal, auch ohne mit der Wimper zu zucken, sagen: „Nein, ich bin nicht das alleinige Mutter-Alien, dass nicht zum Beine rasieren kommt, es nicht zum Friseur schafft, nicht dazu kommt regelmäßig zu essen und so weiter und so fort und Laber-Rhabarber.“ … Nö, bin ich nicht. Und das beste Ansichtsbeispiel habe ich daheim. Mein Sohn.

Während meine Zweijährige ab und zu erklärt, dass sie ihre Lieblingserzieherin vermisst, was ich für das Alter schon bemerkenswert finde, nimmt sie das zu hause bleiben relativ gelassen. Aber meinen sonst so ruhigen, in innerer Ruhe schwelgenden Jungen sehe ich langsam durchdrehen. Wie? Tja, also an Bewegungsangebot fehlt es ja bei uns nicht. Wie man durchaus schon lesen konnte. Aber er ist einfach… Überraschung… ein Junge. Und gestern konnte er das, was ich bereits seit einer Woche spüre in Worte fassen: „Ich will endlich wieder mit einem Kumpel spielen!“

Wir, mein Mann und ich, versuchen ihn mit ausreichend Bewegung zu bespaßen. bellicon KIDS, Fußball und Volleyball in den großen Räumen in unserem Office, Garten mit kleinem Pool und mein Mann war und ist zu jeder Tobe-Einheit bereit. Letzte Woche kam er nach so einer „Jungs-Tobe-Situation“ zu mir und meinte: „Puh, hat der viel Energie! Der zerlegt mich.“ Ab da beobachtete ich das ganze etwas mehr. Und mir war ziemlich schnell klar, er braucht einfach diese typischen Jungs-Rangeleien. Da kommt einem heutzutage ja auch gleich der nächste Gedanke: „Wenn dein Sohn ein eher ruhigeres Kind ist und das braucht wie die Luft zum Atmen, wie wollen sie die Kids dann generell auf Abstand halten, wenn … ?“ Da gibt es ja ganz andere Kandidaten und wir haben doch eh‘ schon Lehrermangel … .

Blümchen gucken im Garten hilft auch nicht mehr zum Coming down.

Mir ist auf jeden Fall klar, mein Sohn braucht ein Spieldate! Und ich hoffe, dass sich die Jungs vor lauter aufgestauter Energie nicht gegenseitig beim ersten Zusammentreffen zerkloppen. Nur ein Spieldate zu bekommen, ist ja heute auch nicht so leicht. Aber bei allen Programmen für Kinder, auf die ich durchaus schwöre, es gibt nichts im Vergleich zu einem Kumpel, mit dem man einfach los spielen und los balgen kann. Da kommt eben kein Kids-Programm und kein noch so engagierter Erwachsener ran.

Auch gab es für mich eine Aha-Situation mit seiner Schwester. Beide wollten in dem kleinen Pool in unserem Garten baden. Mein Sohn sprach von nichts anderem. Meine Tochter, ganz kleine bewundernde Schwester, zog nach. Sobald wir im Garten waren hüpfte mein Großer rein und mein Zwerg musste noch von mir von ihren Klamotten befreit werden. Nicht, dass es sie gestört hätte, der große Bruder war immerhin schon im Wasser, aber ich hatte ein Veto gegen nasse Kleidung. Als ich sie dann dazu setzte, begann sie zu singen und am Beckenrand im Kreis zu laufen, bis plötzlich mein Junge nach zwei Minuten aufquiekte: „Das nervt!“ Ich war etwas irritiert. A) weil sie nichts getan hatte als zu singen. (Ok, sie wird mal Shouterin in einer Metalband.) Und b) weil die beiden echt gut klar kommen. „Was ist denn los? Sie macht doch nichts?“ war meine Frage. (Meine Tochter kann, wenn sie sich dann doch mal nicht so verstehen, ganz schön schlag-, kneif- und kratzkräftig sein.) Mein Sohn: „Ja, aber das nervt einfach! Ich will mal allein sein.“ Mehr brauchte es nicht an Erklärung. Ihm fiel einfach förmlich unter freiem Himmel die Decke auf den Kopf. Und mir wurde bewusst, das Schule nicht einfach nur lernen bedeutet, sondern dieser Kosmos auch in der Tat so eine Art Privatsphäre für ihn ist. Einfach mal ohne kleine Schwester. Das, was ich immer zum Ende meiner Elternzeiten erzählt hatte: „Ich kann nicht mehr. Ich mache den ganzen Tag nur „Gugu“ und „Gaga“. Ich brauche mal wieder eine geistige Herausforderung.“ So braucht sie mein Sohn eben auch. Geistig und körperlich. Wegen kindlicher Entwicklung und so.

Fehlt! Ein Haufen Jungs im Garten, die dort wild herumtoben. Auch wenn Mami nicht immer hingucken kann, aber das gemeinsame herumtollen ist so wichtig wie die Luft zum atmen.

Kann sich noch jemand erinnern, dass man sich, als man noch klein war, nach sechs Wochen Sommerferien voll auf die Schule gefreut hat? Das ließ bei mir erst so in der siebten Klasse nach. Aber bis dahin war es eine große Freude wieder auf alle zu treffen. Nun sind sechs Wochen vorbei und es scheinen noch mehr zu werden. Weil meine Kids noch zu den Kleinen gehören, die noch nicht sollen und noch nicht müssen. Aber sie drehen durch. Vor allem eben mein Großer. Weil jetzt die mentale Keule zuschlägt. Mein Sohn zerrt sich einfach auch gerade akut die Nerven. Auch wenn uns schon vorher bewusst war, dass es eine Gratwanderung zwischen mental Health und körperlicher Gesundheit bewahren wird, so scheinen wir die mentale Gesundheit doch zu weit ins Abseits gestellt zu haben. Für meinen Großen muss ich mir jetzt einen Ausweg überlegen. Es ist nämlich wirklich schön zu sehen, was für ein ausgeglichenes Kind er eigentlich ist. Und ich habe schon früh beschlossen, dass ich erst in seiner Pubertät, mit ihrem ganzen Hormontrubel, bereit bin seine Ausgeglichenheit vielleicht aufgeben zu müssen. Vorher nicht.

Und? Was mache ich mit mir? Mir unausgeglichenem MOMster? Jetzt, da ich eh‘ schon so früh wach bin, kann ich mich auch fertig machen und gehe ins Büro. Zum arbeiten? Nö! Jetzt wo ich das gelesen habe, muss ich erst mal aufs bellicon und Sport machen!

In diesem Sinne freue ich mich auf Euch. Hoffentlich wieder regelmäßig.


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