Friedhof der Nuscheltiere

Ich bin eine kreativbelastete Quasselstrippe, die, wenn sie mal wieder einen Ideenschub hat, unzusammenhängend, wirr, laut, schnell, durcheinander und hoch spricht. So war ich „vor“ den Kindern. Und bin, wenn ich arbeite und eine Idee habe, geblieben. Und das sicherlich zum Leidwesen ganz vieler. Vor allem derer, die mich nicht verstehen. Es gibt die weisen Männer und Frauen, die die Fähigkeit ihr eigen nennen können, aus meinem Hirnsturm die bedeutenden Dinge zu filtern, sie zu gliedern und dahinter zu kommen, was dieses hysterisch anmutende Wesen vor ihnen, eigentlich überhaupt von ihnen möchte.

Wurde oder werde ich zum Smalltalk gebeten, dann bin ich ein Nuscheltier. Das bin ich auch gerne mal früh am Morgen. Oder spät abends. Doch eins habe ich bemerkt, seit ich Mami bin, bin ich die Perfektion dieses possierlichen Tierchens geworden.

Bisher hatte ich „Nuscheltiere“ immer mit „Zähne nicht auseinander bekommen in Verbindung gebracht. Weil sie sich für das Thema nicht erwärmen können, weil sie nicht Smalltalk souverän sind oder eben vom ganzen Typ her eher sprachungewandt bis sprachverdrossen. Seit ich Kinder habe, weiß ich nun endlich was es wirklich bedeutet so ein Nuscheltier zu sein.

Einfach mal die Klappe halten. Bei mir am besten, wenn mein Hirn noch in den Federn liegt.

An manchen Tagen stehe ich auf, also so rein körperlich! Und mein Hirn bleibt irgendwie liegen. So als denke es, heute Abend findet sie mich ja genau hier im Bett wieder, aber jetzt brauch ich ’ne Auszeit. Jeder kann sich nun natürlich denken, wenn eben genau dieses Organ eine Auszeit macht, dann hat man zwei kleine Problemchen.

Das erste ist, man kann seinem Gesprächspartner beim zuhören nicht folgen. Die Worte plätschern rein und irgendwo versickern sie. Oder fallen durch. Das was mit mir und meinem Körper erwacht ist, das steuert irgendwie gerade mal die Reflexe. So, dass ich hochangestrengt meine Augen gerade so offen halten kann. Damit ich nun meinem Gegenüber in meiner verschlafen-versteinerten Miene wenigstens den Ansatz von Interesse widerspiegeln kann, starre ich. Ja, echt wahr. Vollkommen unschön, aber ich konzentriere mich mit meinem Blick so auf seinen oder ihren, dass ich bestimmt schon gruselig wirke. Aber würde ich mich auf die Lippen konzentrieren, würde mich deren Bewegung meditativ beeinflußen und meinen Körper früher oder später zu meinem Hirn schicken. Schnarch. Ihr lieben mitteilungsbedürftigen Redner, es ist mir wirklich sehr wichtig, euch das mitzuteilen, das liegt nicht an euch! Ich würde so gerne wieder ein normales Erwachsenengespräch führen. Voller Interesse und Leben. Aber ich kann nicht. Ich bin zu müde. Und alles was mir mitgeteilt wird, ist an diesen hirnarmen und übermüdeten Tagen eine verbale Reizüberflutung, die mich einfach ausknockt.

Das zweite Problem so ohne Hirn, ist auch das Antworten. Wenn man ja schon nicht gedanklich folgen konnte, was will man da auch sagen? Allerdings hatte ich in meinem Leben einmal eine Phase, in der ich Bücher von John Niven las und in seinem Roman Coma beschreibt er, wie ein Ehemann vollautomatisch auf das Gesagte seiner Ehefrau antwortet. An genau das erinnere ich mich dann einfach immer und sage mir, was die Jungs können, das kann ich auch. M-hm!

Ich muss gestehen, dass das leider nicht immer klappt. Auch schon im Buch werden einem die Makel des „M-hm!“ aufgezeigt. Blöder ist aber, wenn ich wirklich etwas sagen möchte. Dann kann es sein, dass meine Zunge schneller ist als mein Geist. Was ja nicht schwer ist, denn den hab ich ja irgendwo anders gelassen. Oder meine Zunge einfach, wegen fehlender Kommandos von oben, über sich selbst stolpert. Dann kommt so etwas wie „Glmmpfhdrghstgafhgfst.“ raus. Detailliert Wortfindungsschwierigkeiten zu erläutern, dass schenke ich mir hier. Mein Beispiel mit der Zunge gibt sicherlich genügend Spielraum sich vorzustellen, was mir da so manches mal über die Lippen kommt. Oder eben nicht.

Tatsächlich ist es mir lieber, wortlos und vor mich hinglotzend da zu stehen und etwas dämlich auszusehen, als irgendwelchen unüberlegten Stuss zu quatschen. Denn wenn das mal wieder passiert ist, verlasse ich oft den Ort des Geschehens, oder eben den Ort des Gesagten, und schäme und gräme mich den ganzen Heimweg. Um es wie eine Geißelung zu machen, wiederhole ich das Gesagte dann auch noch die ganze Zeit in meinem leeren Kopf wie ein Mantra: „Du hast eine Wassermelone getragen! Du hast eine Wassermelone getragen! Du hast… !“

Wahrscheinlich sollte man es nicht so kritisch sehen. Und allen Mamis geht es zu 99% auch so. Nur wenn man sich selbst so total müde fühlt, dann wirken immer alle anderen so frisch und voller Tatendrang. Man selbst fühlt sich wie ein kleiner Molch. Und alle sind auf einmal so sprachgewandt. Selbst der Siebenjährige hat es besser drauf. Außerdem ist das auch noch ein Alter, in dem man Versprecher voll komisch findet. Und so wiederholt mein Sohn all mein Gebrabbel auch noch. Da kann ich mir prinzipiell selbst zuhören, was ich wieder für einen Schmarrn verzapft habe.

„Unter ständiger Beobachtung“ und „ein Spion hört wenigstens ständig mit“. Mama’s Genuschel wird dankbar aufgenommen und mit viel Kinderhumor weiterverbraten.

Da meine Kinder letztendlich wissen, dass ich an guten Tagen auch normal und in ganzen formvollendeten Sätzen sprechen kann, meistens auch, wenn es für sie ernst wird, stehe ich drüber, rolle die Augen über meinen Papagei und nuschle weiter vor mich hin. Notfalls muss ich mich eben wiederholen. Ha Ha.

Allerdings werd ich nervös, wenn ich an solchen Tagen vor die Tür muss. Wer jetzt nachdenkt, wird sich sagen: Na wenigstens um die Kinder in die Kita oder Schule zu bringen, wird sie ja mal raus müssen?! Genau! Schlimm ist, wenn mein Nuscheltiertag auf einen Kurstag fällt. Da hab ich schon Dinger rausgehauen, dass ich nur noch zurück zu meinem Gehirn wollte. Zum Glück kennen mich meine Teilnehmer mittlerweile. Und ich muss tatsächlich sagen, auch wenn ich mit einem irrsinnigen Respekt in den Kurs gehe, aus Angst mein Körper sagt jetzt mittendrin: „Hey, hier ist kein Hirn! Ich hab jetzt auch keinen Bocke mehr!“ So sind das meistens die Kurse, in denen ich zwar viele komische Dinge erzähle, aber körperlich derart erfrischt aus der Stunde gehe, dass ich mir sage, warum habe ich das eigentlich nicht gleich nach dem Aufstehen gemacht?

Ein Nuscheltier versteckt sich. Gut, an den Verstecken kann auch noch gearbeitet werden.

Das sollte ich wirklich mal anfangen. Morgens wach schwingen und wach jumpen. Das ist ein genialer Plan. Vielleicht nuschle ich dann weniger Menschen zu? Aber selbst wenn, Mamis sind entschuldigt. Wer einen Knochenjob macht, der darf auch mal als Mombie unterwegs sein.

Best place to be … so als Nuscheltier. Beine hoch und schweigen.

In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Teilnehmer oder Leser.


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