Das Schweigen der Kinder

Gut, ich muss ehrlich sein. Ich fand den Titel gut. Der erinnerte mich an den zischenden Anthony Hopkins. Und erzeugte gleich Spannung. Aber meine Tochter schweigt nicht. Außer vielleicht in der Kita. Aber denen drohe ich ja eh‘ das schlimmste an, wenn meine Tochter endgültig aufgetaut ist und sich dort wie zuhause fühlt. Meine Tochter ist nämlich Typ Einmal-Luft-holen-reicht-für-gut-drei-Stunden-Erzählrepertoire. Wenn ich sie in der Kita in Empfang nehme geht es los und endet, wenn sie ihre Augen nicht mehr auf halten kann. Auch hier gibt es Ausnahmen. Manchmal gibt es Tage, da findet sie „müde sein“ nämlich grundsätzlich vollkommen blöde und lässt das lautstark raus. Wir kennen das alle. Eltern wie auch Nicht-Eltern. Wir sind ja alle schon mal über ein Kind gestolpert, dass sich müde vor dem Einschlafen windet und es einfach inakzeptabel findet diesen Zustand zuzulassen.

Aber das war ja gar nicht das Thema. Thema war eigentlich, um es richtig zu stellen: Das Schweigen des Kindes. Mein Sohn. Er verabscheut sprechen. Wenn er soll, muss oder darf. Er hat auch Phasen, in denen er möchte. Die genieße ich. Wenn ich an meinen Sohn in der Zukunft denke, dann denke ich tatsächlich nicht an Anthony Hopkins. Ok, wenn man an den oben genannten Film denkt, dann sage ich jetzt auch: Zum Glück!!! Aber so ein bisschen an Jack Nickolson in „Besser geht’s nicht“ muss ich schon denken. Ich weiß nun nicht, ob ich mich bei diesem Gedanken besser fühle. Außerdem möchte ich jetzt unbedingt anfügen: mein Sohn ist super beliebt. Aber vielleicht war das Jack ja auch. Wir lernen ihn in dem Film als Kind ja nicht kennen. Fakt ist, dass ich manchmal bei meinem Sohn im Umgang mit seinen Kumpels Mäuschen spielen möchte. Welche Mutter nicht? Bevor ich jetzt als Heli-Mum verschrieen werde, gebe ich zu, dass ich jedesmal bevor ich mich in einen Nager verwandeln möchte, noch einmal tief durchatme und mich zum guten bekehre. Soll heißen, ich lasse meine Sohn in Ruhe.

Aber manchmal frage ich mich doch, ob das wirklich so gut ist? Klar, er findet es „saudoof“ über sich erzählen zu müssen. Und wenn ich mich aufdränge und ihm etwas aus der Nase ziehen will, dann beschwert er sich, dass ich ihn dauernd was frage. Und das auch noch jeden Tag! Empörung pur.

Und hier hat man als Mutter ja voll ein Problem. Erstmal Frau und daher mit Redegen ausgestattet. Und dann als Mama prädestiniert für Kopfkino! Hier komme ich wieder zum Anthony Hopkins Psychohorrorfeeling. Das kann sich kein Regisseur ausdenken, was sich eine Mutter ausdenken kann.

Mama’s Kopfkino. Kinderprobleme so hoch wie Legotürme! Die Kids bleiben entspannt.

Blöd ist ja, dass Mums trotz Schweigen merken, wenn ihrem Kind was auf dem Herzen liegt. Nun ist es so, dass seit mein Sohn sieben ist, zur Schule geht und man ihn auf sein bedrücktes Schweigen anspricht, gerne den Satz nutzt: „Ich möchte nicht darüber reden!“ Na toll! Wie wird das dann erst in der Pubertät. Früher kam ja wenigstens sowas, wie: „Hab ich vergessen!“, „Weiß ich nicht mehr!“ oder „Ich kann doch nicht alles wissen!“

Na was soll ich tun, wenn er die Beißer nicht auseinander bekommt? So sieche ich in meinem mütterlichen Geschichtenstrickwahn dahin. Ich wünschte es käme wenigstens ein anständiger Pulli dabei heraus. Aber eigentlich sind es nur so eine Art Hirngespinste.

Was ja auch voll daneben ist, dass ich nicht wirklich mitbekomme, was in der Schule abgeht. Ich meine jetzt nicht auf dem Schulhof. Die Lehrer möchten die Kids zu Eigenverantwortung erziehen. Ist ja ok. Das heißt, sie sollen selbst Infos an ihre Eltern weitergeben. Oder die in ein Verbindungsheft oder ganz neu in ihr Hausaufgabenheft schreiben. Hatte ich erwähnt, dass mein Kind neben reden auch Hefte ein- und auspacken für völlig überflüssig empfindet. Vielleicht muss ich mir ein Dosentelefon zur Schule bauen. Jedenfalls stand mein Sohn in der zweiten Schulwoche vollkommen aufgelöst da und meinte, er brauche ein Hausaufgabenheft und noch so ein Ding. Ich: „Häää? Bis wann?“ Er schluchzte total entnervt von meiner Fragerei und Unwissenheit:“ Na bis heute!“ Ich befragte schnell mein inneres Orakel, entschied das meine Sehertätigkeit und meine Gedankenleserkunst gerade noch in Urlaub wären und meinte: „Na dann musst du mir das sagen!“ Vollkommen entrüstet entgegnete er: „Aber das hab ich doch aufgeschrieben!“ So als würden seine Schriftzeichen, sobald er den Stift aufs Papier setzt, wie bei einem der Harry Potter Filme in meine Haut geritzt werden. Ich erklärte ihm, dass er mir das sagen müsse, oder er müsse mir das Heft geben, in das er die Info notiert hatte. „Das wäre doch auf einem Zettel! Weil ich doch das doofe Aufgabenheft erst kaufen müsse!“ Ach ja, klar. Weil es jetzt auf einem Zettel steht hätte ich es doch wissen müssen. Schade, dass er mit sieben noch nicht wirklich Ironie versteht. Und zum Glück fiel genau an dem Tag der Schwimmunterricht aus. Wir also ab zum Laden. 

Die zweite Schulwoche ging aber noch spannend weiter. Zwei Tage später also am Donnerstag war er vollkommen aufgebracht, weil ich doch noch etwas in das Hausaufgabenheft hätte schreiben müssen. „Was denn?“ „Weiß ich doch nicht!“ Ich seufzte und atmete noch einmal tief durch. „Wo ist denn das Hausaufgabenheft?“ „In der Schule!“ Jetzt stöhnte ich. „Außerdem machen wir einen Ausflug!“ Ich wurde panisch. „Wann? Heute??“ „Ne, am Ende der zweiten Klasse oder nächste Woche!“ Hmmm! Das mit dem Zeitgefühl der Kinder ist ja auch so ein Ding. 

Zum Glück brachte er das vermaledeite Heft am Freitag mit. Und ich verstand, ich hätte auf jeder Seite das Datum notieren sollen. „Wirklich?“ dachte ich. Wäre doch cool, wenn er das als erstes lernt. Dann wissen wir auch, wann der Ausflug ist oder ob er damit schon seine Abi-Abschlussfahrt meint. Har Har. Der Ausflug stand im September drin und zweimal der Hinweis seiner Musiklehrerin, dass der Musikhefter fehlt. Das hörte, Pardon, las ich zum ersten Mal. Es war irre.

Selbst ist das Kind! Manches muss wohl einfach selbst bewältigt werden. Sonst bleibt noch der Lerneffekt aus. Das wäre fatal.

Das sind so meine alltäglichen Missverständnisse, mit meinem stur schweigsamen Kind. Richtige Gedanken mache ich mir wirklich bei den Problemen, die ihn belasten. Und immer wieder stelle ich mir die Frage, wie komme ich an ihn heran, wenn er doch so gern alles totschweigt. Davon geht das Problem ja nicht unweigerlich weg. Aber wahrscheinlich muss er das selbst lernen, oder? Und wird vermutlich von sich aus auf Mami zukommen, wenn das Problem nicht von ihm allein zu bewältigen ist, oder? Wenn nicht immer diese Horrorstories von verschwiegenen Pubertieren kursieren würden. Vertrauen. Ist wahrscheinlich das Schlagwort. Oder?Aber wenn ich innerlich mal wieder durchdrehe und mir das Vertrauen fehlt, dann hüpf ich mir meine Ängste eben raus. Meistens komme ich dann von meinem Kurs heim und mein Sohn fällt mir um den Hals. Mit Mama kuscheln. Ganz wie ein siebenjähriges Kind. Hach, ich habe eben doch noch ein bisschen Zeit bis die Pubertätsklatsche auf uns zukommt. Aber ein bisschen mehr erzählen könnte er schon.

In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Leser oder Teilnehmer.


Ein Gedanke zu “Das Schweigen der Kinder

  1. Scheint ein ganz unerlaubt typischer Junge zu sein. Ich kann die beschriebenen Erfahrungen nur bestätigen. Hausaufgaben sind so was von uninteressant bzw. die ganze Schule und Gefühle, nun, die werden gefühlt, nicht gesprochen, nicht besprochen, nicht artikuliert. Mit gewissen Schwankungen (etwa Ausbrüchen von Werbungsverhalten) könnte das durchaus lebenslang so bleiben. Es gibt aber einen – fatalen – Trick. Wenn es nur ums viel Reden geht: einfach ein Thema ansprechen, das ihn interessiert. Aber einem Alter X, meist sehr früh, haben die Bengel ein Hobby, mindestens eins. Es muß nicht zwangsläufig Fußball sein, obwohl man das hierzulande kaum glauben mag, auch das Auto wurde teils durch Computer abgelöst – aber irgend etwas gibt es, das sie mehr als das übliche bißchen oder noch weniger interessiert, sondern so richtig und das deshalb ein Thema für alle sein sollte, müßte, ist: in dem Alter, nur so als Vorschlag, Dinosaurier. Jede Wette, über das Thema kann er – ganz ohne auf unwichtige Themata einzugehen (Wie Hausaufgaben, Geburtstagseinladungen, geschweige denn Gefühle) – stundenlang schwadronieren.
    Ist das nicht furchtbar. Nun – die Mädchengeburtstage waren immer ungleich anstrengender. „Nie wieder meiner besten Freundin“ – wer muß neben wem sitzen – wie sieht das, ausgefeilte, Programm aus? Bei den Jungsgeburtstagen wurde auch geheult, aber nicht, weil irgend jemand irgend etwas über irgend jemand anderen gesagt hatte und das ganz dringend einer ausführlichen Interpretation bedurfte, was das für einen selbst bedeuten könnte, sondern halt, weil einer den verrufenen Fußball in die Fresse bekam… echt, viel weniger aufregend und anstrengend!

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