Ungesehen – ungefördert

Ich hatte mich hier ja schon mal über das Schulthema ausgeturnt. Und tatsächlich lässt mir eins, auch nach dem Lehrergespräch, keine Ruhe. Und zwar geht es um die Frage, der richtigen (? – doofes Wort), individuellen und positiven Förderung unserer Kinder. Jedes einzelnen. Für sich.

Klar, wir sind auch irgendwie Teil einer Masse. Und individuelle Förderung ist prinzipiell nur innerhalb der Familie möglich. Niemand kennt sein Kind besser als die, die tagtäglich und ein Leben lang mit ihm verweilen. Leider haben Menschen ganz oft Probleme mit dem richtigen Maß. Ich ja auch.

Da hab ich ein Gläschen zu viel erwischt. Kein Maß! Oder da hab ich mal wieder zu sehr auf die Tube gedrückt. Kein Maß! Oder da hab ich mir mal wieder ein Stück Schokolade zu viel rein gepfiffen. Kein Maß! Zu viel Geld ausgegeben. Zu viel Sport gemacht. Zu viele Schuhe gekauft. Zu viele Serien geguckt. Zu viel gekocht. Blub blub blub … und ganz viel Talent, Intelligenz, „Spaß an“ und so weiter in meinem Kind gesehen. Komisch, das auch bei Dingen, die ich nie selbst in meiner Kindheit und Jugend machen durfte. Ein Schelm, wer böses denkt. Und all diese Dinge, meine unerfüllten Wünsche und Träume, kann ich meinem Kind aber ermöglichen. Deshalb geht mein Zwerg nach Schule, Kita, Geburt zum Klavier-, Basketball-, Fußball-, Akrobatik-, Kletter-, Pekip-, Babyschwimmen-, musikalische Frühförderung-, Bodenturn-, Leichtathletik-, Mathe-für-Hochbegabte-, Ballett-, Reit-, Theater-, Mal-, Englischunterricht und danach noch in den literarischen Debattierklub zeitgenössischer Schriftsteller. Klingt übertrieben? Ja! Klingt komisch? Ist aber oft so. Vielleicht nicht in diesem AusMaß. Aber ein bisschen Übertreibung hilft ja auch immer ein bisschen beim Verständnis.

Stößchen! Und schon lustig. Bei manchen Dingen fällt Maß halten bewusst leicht oder schwer. Wenn man aber etwas unbewusst und dann noch aus Liebe macht …huijuijui!

Und ich will hier niemandem mit dem wedelndem Du-Du-Du-Finger kommen. Ganz sicher nicht. Ich habe ja, wie schon angedeutet, selbst Schwierigkeiten mit dem Maß finden und halten.

Mein Großer sollte in meiner Phantasie so ein richtiger Punkrocker werden. Hier schütteln sich jetzt sicherlich schon einige Eltern vor Schreck. Mein Mann eingeschlossen. Der macht das allerdings heute, nachdem unser Großer schon auf die sieben zugeht, unter Lachen. Denn in meinem Träumchen, fand ich einen Iro für mein Kleinkind voll cool. Jetzt kam mein Sohn schon mit „Frisur“ zur Welt. Wirklich. Volles Haar. Schön gescheitelt. Wir wurden tatsächlich oft gefragt, ob wir mit dem Kleinen schon beim Friseur waren. Nö, der kam so raus. Und er sah total süß aus. Also Iro gestrichen. Ich wollte auch so gerne, dass er die Musik mag, die ich gut finde. Ich ging mit ihm im Bauch, entgegen jedem Aufschrei und Kopfschütteln anderer, zu einem Ärzte-Konzert. Meine Frühförderung fing also schon sehr früh an. Nur setzte ich nicht auf Mozart, sondern auf „Unrockbar“. Resultat, wenn Muddi heute ihre Musik hört, hält sich mein Sohn die Ohren zu und ruft: Leiser!

Mein Sohn wird Dinoforscher. Sagt er.

Gut, er geht halt nach Papa. Ist ja immerhin der Mann, den ich liebe und mit dem ich Kinder habe. Also, werden meine Kinder natürlich auch kompromisslos geliebt, auch wenn sie jetzt auf Klavier oder Geige stehen, anstatt Schlagzeug. Immerhin hat Mozart ja die Voraussetzungen geschaffen, dass es heute auch andere, schrammeligere Musik gibt. Der alte Rocker, der!

Meine Tochter hält laufen für überbewertet und spielt eben anders, aber trotzdem Fußball. Jedem sein Ding.

Aber ihr seht schon, als Eltern muss man recht flexibel sein. Und das ist mitunter schwer. Ich persönlich rufe mir immer die Sparkasse-Werbung vor Augen, in der der Vater alle zu Spießern erklärt und das Kind am Ende erläutert: „Dann möchte ich Spießer werden!“ Bumm. Also muss ich mich auch mal hin und wieder ausschütteln, durchatmen und sagen: „Juti, ma gucken was da so kommt.“ Immer ein bisschen ängstlich. Aber auch neugierig. „Lass ihn mal machen!“ sage ich oft meinem inneren, leicht hysterischem Ich, wenn er wieder was mit Zahlen und Geld voll cool findet. Oberstes Motto eben: Ich möchte es anders machen.

Ich darf gar nicht hingucken. Aber trotzdem muss ich der LBS einen gewissen Witz zugestehen.

Immerhin komme ich noch aus einer Generation, da lief der Hase anders. Ich wurde nämlich zur Bank- oder Versicherungskauffrau erklärt. Das von meinen Eltern. Bitte, nichts gegen diese Berufe. Jedem das seine. Meins war es nicht. Das erkannten auch meine Lehrer. Und die redeten sich den Mund fusselig mit Sätzen, wie: „Das Mädchen muss schreiben. Das Mädchen muss malen. Das Mädchen muss singen. Das Mädchen muss in die Theater-AG.“ Kommentar meiner Eltern in etwa: „Schreiben tut man Postkarten zum Geburtstag. Der Rest ist eh keines Kommentares wert. Die macht ne Ausbildung.“ Wenn einem schon nicht die Unterstützung von wissenden Erwachsenen hilft, dann hilft bei so was nur noch die Pubertät. Wer oben gelesen hat, was ich mir für meinen Sohn ausmalte, kann jetzt eins und eins zusammenzählen, nehme ich an. Ich hatte aber nie einen Iro. Hätte ich mich trotz Rebellion nicht getraut. Daher habe ich ihn mir wahrscheinlich für mein Kleinkind gewünscht, dass hätte sich, hätten wir Mami’s Wunsch erfüllt, verbal gar nicht wehren können. A-ha! … Wir merken schon: Wo liegt der Fehler?

Wir waren aber noch bei mir und der tatsächlich vollkommen anderen Generation, von der ich erzogen wurde. Da wurde irgendwie noch versucht Talente „wegzuerziehen“. Von der pragmatischen Elterngeneration. Sicher gab es auch damals schon Freigeister in der Elternschaft. Und ganz ehrlich, auch die Pragmatiker erzogen ihre Kinder unter dem Leitspruch: Die sollen es doch mal besser haben als wir. Der Weg war vielleicht etwas zu resolut und zu engstirnig gedacht. So mache ich heute vieles als Autodidakt. Was mich total nervt, denn ich hätte es so gerne richtig gelernt. Und wenn man sich heute umschaut, so sieht man viele, die ebenfalls fachfremd arbeiten. Das gibt mir das Gefühl, das lief nicht nur bei mir so. Kurz es wurde gern bei Talenten weggesehen. Und eben „nicht passende“ Talente zu „Freizeit-Talenten“ erklärt. Die blieben also ungefördert.

Das führt aber auch gleich zu unserer Generation heute. Die sich den neuesten Erkenntnissen in der Kindeserziehung hingibt. Ich auch. Und wir wollen unseren Kindern einfach alles ermöglichen. Wahrscheinlich weil wir zum großen Teil noch eine recht autoritäre Erziehung genossen.Vorsicht! Maß! Denn auch die Sachen, die wir nicht hatten, wollen wir gerne unseren Kids ermöglichen. Ob die nun möchten, oder nicht. Wir möchten das so gerne, blind vor Liebe, dass wir oft Gefahr laufen den Blick für’s Wesentliche zu verlieren. Da kann es passieren, dass wirkliche Talente bei all dem Ermöglichten ungesehen bleiben. Und dadurch dann wieder ungefördert verwaisen. Es ist in der Tat eine Kunst Talente zu erkennen und diese gezielt zu fördern. Weil, klar, wechseln Kinder ständig ihre Meinung. Sie probieren sich ja auch aus. Kann nervig sein. Geb ich zu. Ist aber nu mal so. Probieren geht über studieren. Heißt es nicht so? Heute sollen sie aber am besten gleich alles studieren. Und wir hetzen, erziehen und lehren sie damit zu so einer Art funktionierender Kinderzombies. Und stolpern in unserer Maßlosigkeit, das heißt jetzt in unserer maßlosen Liebe und in unserem maßlosen Glauben an das Können unserer Kinder über die Tatsache, dass wir vergessen unser Kind ein Kind sein zu lassen. Das im, durch und beim Spiel lernt.

Ein schwieriger Punkt. Mit dem Maß. Auch ein schwieriger Punkt ist für mich das erinnern. Als meine Tochter geboren war, fiel mir auf, dass ich mich an manche Dinge, die nach der Geburt meines Sohnes wichtig waren, nicht mehr so ganz genau erinnern konnte. Wie musste ich ein Baby nochmal beim baden halten? Und so weiter. Ich habe es dann intuitiv trotzdem richtig gemacht. Aber, wenn schon fünf Jahre Erinnerungslücken bedeuten, was bedeutet es, sich an seine Kindheit zu erinnern? Nun müssen wir uns „richtig“ oder besser real erinnern. Und bei den Erinnerungen, die dafür sorgen, dass wir bei unseren Kindern alles anders und „richtig“ machen wollen, müssen wir den Dorn, der in uns steckt, etwas lockern, um sie nicht durch alle Aktivitäten zu jagen, die uns einst verboten waren. Andere Generationen müssen sich vielleicht noch mal an den Rohrstock erinnern, um uns „Neue-Wege-Finder-Elternschaft“ nicht immer vorzuhalten, damals wurden noch „gute Erwachsene“ herangezogen. Die Erinnerung spielt uns allen gerne Streiche. Wobei ich sagen muss, meine Mutter sagt heute doch schon öfter, dass sie es gut findet, wie es heute läuft.

Manchmal finde ich es ja richtig(!) doof Eltern zu sein. Ich liebe es Mami zu sein. Denn ich liebe meine Kinder. Und will nur das beste für sie. Wie eben alle Eltern. Aber dieses „Erziehungsberechtigte“-Ding ist manchmal zum Haare raufen. Wenn ich als Erziehungsberechtigte wieder etwas unterschreiben muss, bei dem mein Sohn mitmachen soll oder darf. Klar frage ich ihn. Aber manchmal fehlt mir bei dieser Berechtigung irgendwie auch das Wort mit der Verpflichtung. Die „ErziehungsVerpflichtung“, dass ich mein Kind, in dessen individuellem Maß fördere. Da hilft wohl nur eins. Locker bleiben. Das MittelMaß finden. Und machen lassen. Mit meiner Mami-Unterstützung, wenn Bedarf herrscht. Und eben daran denken, dass man seine Kinder so liebt, wie sie sind. Und nicht weil sie so sind, wie man sie gerne hätte. Und akzeptieren, dass sie nicht alle Dinge toll finden, die Mama toll fand. Sich dafür aber für Sachen begeistern, die man als Mutter nicht immer ganz verstehen muss.

Ich weiß, mein Sohn wird erst sieben. Und ich bitte alle Eltern, die schon Pubertiere haben, mir diesen Beitrag nicht in sechs Jahren unter die Nase zu halten. Ich bin doch noch so unwissend und unerfahren. Kein Scherz. Sozusagen Mami-Autodidakt. Wie wir alle beim ersten Kind. Aber ich bin lernbereit. Was da auch komme. Drückt mir die Daumen, dass ich da auch ganz locker bleibe. Ich drücke meine Daumen für euch. Und ihr wisst ja, wenn mir die geistige Lockerheit mal fehlt, dann erhüpfe ich mir erst die körperliche. Und lass danach die erhüpften Endorphine den Rest machen.

In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Leser oder Teilnehmer.

Passender kann man’s nicht bringen. „Der Klassiker“ wie ein junger Kollege von mir diesen Ärzte-Song nannte.

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