Kampfzone Badezimmer

Schon beim Eintreten bemerkt man: A-ha, der Parkour ist bereits aufgebaut. Wäschekörbe, mit vorsortierter Wäsche, Windeleimer, Badezimmerteppiche, die durch ein Kleinkind und dann auch Großkind zerwühlt wurden, und hineingetragenes Spielzeug sind zu einer meisterhaften Hindernisstrecke zusammen getragen und aufgestellt worden. Manchmal wundere ich mich tatsächlich, dass ich mir noch nichts gebrochen habe. Aber in der Tat war ein immens großer und dunkelblauer Fleck an der Fußsohle, entstanden durch einen hundsgemein abgelegten Lego-Duplostein, das höchste der Gefühle.

Und ich weiß auch nicht, aber meine Kinder scheinen in diesem Bild das voll optimierte Badezimmer zu sehen. Denn jeder Handgriff des Saubermachens wird mit einer Gegenmaßnahme honoriert. Es gibt Tage da könnte ich stundenlang die Box mit dem Badewannenspielzeug „wieder einräumen“. Denn meine Tochter läuft mit meiner Ansicht von Ordnung nicht konform und „enträumt“ augenblicklich mit einem genervt aufgestöhnten „Nein!“ die Box wieder. Ja, ich weiß, dann halt hochstellen. Unsere Badezimmerkommode ächzt schon unter all dem „hochgestellten“ Zeug. Aber eigentlich geht es mir in diesem Beitrag gar nicht, um die Unwegbarkeiten unseres Bades, sondern um die Umstände unter denen wir uns morgens und abends fertig machen müssen. Das sachliche Chaos ist hier eigentlich nur noch die Deko.

Als ich jünger und kinderlos war, habe ich mich oft gewundert, über was sich Kinder alles lautstark ärgern können. Ich habe mit den Augen gerollt und bin weitergegangen. In dieser Zeit konnte ich das noch. Weitergehen. Heutzutage habe ich selbst Kinder und kann mich nur noch wundern. Also wenn sie mich und meinen Mann an unsere Grenzen bringen, dann ist das wirklich in diesem Raum. Sei es beim Gesicht waschen, duschen, Haare kämmen, anziehen, Zähneputzen, Haare waschen, Nägel schneiden, Windeln wechseln und was es noch alles für unnötige, störende Tätigkeiten gibt, die sich ein boshafter Erwachsener ausgedacht haben muss. Bestimmt derselbe, der gesagt hat, „Brokkoli ist gesund.“

Nun ist es so, dass sich meine Kinder ihre No-Gos aufgeteilt haben müssen. Während meine Tochter grundsätzlich nichts gegen Haare waschen hat, findet mein Sohn es nicht so spannend. Noch vor zwei Jahren verleitete er mich tatsächlich in einer „haar“sträubenden Situation dazu die gleiche Pädagogik-Keule rauszuholen, auf die meine Mutter immer zugriff. Er wurde beim Haare waschen derart hysterisch, trotz trockenem Waschlappen vor den Augen und gutem Zusprechen, dass ich dem kreischenden, zappelnden, um sich schlagenden und tretenden Kind mit Schaum in den Haaren einen „Oma-Spruch“ vor den Latz knallte. Nämlich den, dass wenn er weiter so schreit, irgendjemand denkt, ich würde ihm ganz böse weh tun und derjenige dann die Polizei ruft und die ihn dann mitnehmen. Das Kind erstarrte und das Haare waschen war in einer Minute erledigt. Und trotzdem fühlte ich mich vollkommen Miste. Auch wenn die Wirkung viel schneller eintrat, ohne sich weitere blaue Flecken zu holen und das Kind, in seiner Hysterie Badewasser schlucken zu lassen. Ich erzählte einer Freundin, die Polizistin ist, davon und sofort wurde mein schlechtes Gewissen noch größer. Nämlich ihr gegenüber. Sie erzählte mir nämlich davon, welchen Effekt diese Ansage auch noch weiter im Denken der Kinder hat. Denn es passiert ihr bei Einsätzen durchaus, dass, wenn sie zu einem Notfall gerufen wird und ein Kind hinter verschlossener Tür steht, diese dann nicht öffnen möchte, weil es eher Angst vor der Polizei hat, als dass es denkt, da kommt jetzt Hilfe. So hatte ich bisher gar nicht gedacht. Und klar ist natürlich auch, dass man nicht will, dass sein Kind jedem die Tür öffnet, der da klopft und sagt: Hier ist die Polizei. Aber meine Freundin meinte auf mein Nachfragen, dass sie schon wissen, wie man dem Kind den Unterschied zwischen echt und unecht durch die Tür zeigen kann. Und mal ehrlich, wenn der Zwerg gekokelt hat oder ich beim Fensterputzen falsch von der Leiter gestiegen bin, dann bin ich tatsächlich froh, wenn die Kids die Hilfe reinlassen. Von diesem drastischen Beispiel mal abgesehen, sollte schwarze Pädagogik eh‘ voll hinter uns liegen. Daher beließ ich es bei dieser einen Anwendung und diskutiere mich nun durch meine Badezimmer-Zeit.

Mein Mann ist wenigstens so schlau und sprintet, während ich die Brotdose meines Großen befülle, unter die Dusche. Ist also fast fertig, wenn der ganze Zauber im Bad losgeht. Wenn er allerdings Pech hat, folgt ihm unsere Tochter bereits. Duschvorhang wegziehen und alles unter Wasser setzen ist ein Highlight. Wenn man nicht darauf achtet, leider schon ein paar Mal passiert in der morgendlichen Hektik, nimmt sie auch noch ihr Müsli mit. Das kann man dann später auf dem Boden wiederfinden. Zwischen dem Badewannenspielklimbim. Der gehört ja nicht in die Box!

Die Box! So sieht sie aus, wenn die Kinder in Schule und Kita sind. Und wie Mami sie am schönsten findet.

Bereitwillig nimmt sie die Zahnbürste. Juhuu! Mein Großer steht hingegen jeden Tag kuhäugig vor mir und lässt mich „drüberschauen“. Eigentlich hat er nur alibi-weise die Zahnbürste angemacht, um uns das Geräusch zu zeigen und lässt sich dann die Zähne putzen. Aber immerhin ohne weiteres murren. Auch das Gesicht waschen lässt er über sich ergehen. An guten Tagen macht er es tatsächlich auch selbst. Hier geht aber meine Jüngste auf die Flucht. Waschlappen im Gesicht ist nicht ihrs. Und lieber wird sich da einmal zu viel auf den Boden geworfen und ein Aua am Kopf riskiert, als dieses nasse Ding unter die Nase gerieben zu bekommen.

Unser Sohn geht nach mir, ich war als Morgenmuffel verschrien, allerdings wurde bei mir schwarze Pädagogik in Feinstform angewendet, daher war ich pünktlich fertig. Bei meinem Großen sieht das etwas anders aus. Er braucht für eine Socke wenigstens drei Minuten. Und während ich mich schon vollkommen gehetzt fühle, erliege ich aber auch meiner Verständnis ihm gegenüber. Bei mir muss der Organismus auch erst langsam anlaufen. Eigentlich. Denn schon fünf Minuten, nachdem meine Kinder morgens in diesen schönen Raum getreten sind, habe ich einen Blutdruck, der mich aus den Badelatschen hebt. Nach dem fünfzehnten Spruch, dass sich unser Sohn doch nun bitte anziehen soll, verfällt dieser in den Morgenmuffel-Hetzmichnicht-Motzton, mein Mann verlässt resigniert das Bad und ich möchte am liebsten im Schlafshirt auf die Straße rennen, laut brüllen und mich von einem Gefährt mit rotem Kreuz darauf einsammeln lassen, während meine Tochter noch gut gelaunt und triumphierend über den Erfolg der Waschlappenabsage in den Krümeln ihres verstreuten Müslis spielt.

Da ich nicht so mutig bin meinen eigenen Plan umzusetzen, nehme ich mir Kind Nummer Zwei, um wenigstens das anzuziehen und so eine Berechtigung zu haben, im Bad zu bleiben und meinen Sohn weiter darauf hinzuweisen, dass die Schule gleich anfängt. Die ist ja zum Glück gleich ums Eck. Das haben mein Mann und ich bestimmt unterbewusst so gemanaged. A la Berg und Prophet. Der Berg steht nun 50 Meter entfernt. Und trotzdem wird es immer kurz vor knapp.

Meine Tochter antwortet auf meine Bewegung Richtung Wickeltisch mit einem empörten „Nein!“. Wer hat ihr eigentlich dieses Wort beigebracht? Ich schnuppere an ihr und stelle eine Diagnose über den Windelinhalt. Nun beginne ich ihr zu erklären, dass dieser dringendst entfernt werden muss, „sonst macht der Popo aua.“ „Popo. Ja.“ Freude macht sich in mir breit. „Also machen wir ne neue Windel?“ „Nein!“ „Gut, dann kämmen.“ „Nein!“ „Waschlappen?“ „Waaslappe. Nein!“ „Wir müssen die Fingernägelchen schneiden!“ „Naaaa-haaaain!!!“ „Ok, dann doch die Windel?“ “ Ja.“ Puh, leider klappt das nicht immer. Außerdem ist meine Tochter fest davon überzeugt, dass man nur eine Strickjacke und Socken zum Überleben braucht. Derartige Diskussionen, wie oben, ziehe ich dann auch beim Anziehen durch. Hinter mir flippt mein Sohn aus, weil die Naht der linken Socke, die er nun endlich am Fuß hat, nicht an der richtigen Stelle sitzt. Tatsächlich habe ich einmal gelesen, dass sich Kinder in einem Wachstumsschub ganz doll unwohl in manchen Klamotten fühlen und daran vollkommen verzweifeln.

Schauplatz Wickeltisch! Man darf sich nun selbst aussuchen wer Mutter und wer Tochter ist.

Hier erinnere ich mich an eine Situation aus meinem Schwimmunterricht in der Grundschule. Es war zur Winterzeit und nach dem Unterricht waren wir in der Umkleide, um uns anzuziehen. Ich hatte alles an, bis auf die Strumpfhose. Die saß irgendwie nicht. Langsam spürte ich die Panik aufsteigen. Wo war hinten? Wo war vorne? So hatte ich sie doch schon an. Die anderen waren schon alle fertig. Nur ich nicht. Ich bekam das Ding nicht so an, dass es nicht drückte und zwickte. Und ich barst. Lautstark. Mein Schwimmlehrer folgte den Hilferufen meiner Klassenkameraden und versuchte mir die Strumpfhose passend anzuziehen. Aber ich war so drin in diesem Tunnel, dass ich nicht aufhören konnte und weiter bitterlich weinte. Man muss dazu sagen, der Lehrer war sehr verständnisvoll, nicht irgendwie so ein ruppiger Kerl, der die Hose hochzog und sagte, das passt jetzt so. Nein, er wollte wirklich das beste für mich. Und war am Ende genauso fertig wie ich heute, wenn ich meine Kinder endlich angezogen habe.

Ach ja, übrigens, wenn ich als Mami das Bad verlasse, läuft mir der Schweiß, als käme ich gerade aus dem Fitnessstudio. Manchmal überlege ich tatsächlich, ob ich es nicht so machen sollte, erst die Kinder anziehen, beide in Schule und Kita entlassen, um dann nach hause zu gehen und in Ruhe zu duschen. Leider habe ich die Zeit nicht. Aber die Idee ist extrem verlockend.

Kurz und knapp, nach so einer Badezimmertour bin ich schon fix und fertig für den Tag. Und doch verstehe ich auch teilweise die Re- und Aktionen meiner Kinder. Aber wie kommen wir zusammen? Das ist die Frage, die ich mir tatsächlich wenigstens jeden zweiten Tag stelle.

Eine Mama gab mir mal den Rat, sich abends schon seine eigenen Klamotten rauszuhängen. Oder eben zwei bis drei Optionen eines Outfits. So fühlt man sich wenigstens gut angezogen in seinem verschwitzt, fertigen Modus nach dem morgendlichen Chaos. Die Idee finde ich gut. Denn in der Tat bin ich die letzte, die sich fertig macht und laufe dann manchmal auch so rum, dass man mir ansehen kann, wie der Tag begonnen hat. Etwas wild und bunt gescheckt. Mein Sohn hat mittlerweile seine totale Aversion gegen das Haare waschen abgelegt und in die Kategorie „Unnötiger Kram, der gemacht werden muss“ gelegt. An diesem Beispiel halte ich mich fest. Es wird alles im Alter entspannter. Dann stehe ich da, um mich herum herrscht das Chaos und ich träume mich in eine Zukunft, in der ich das Bad nicht mehr betreten darf, wenn die Kids sich zurecht machen. Ob mir das dann gefällt? Mal sehen.

Bis dahin freue ich mich noch immer am meisten auf meine Dusche nach meinem Kurs. Der ist nämlich abends und meine Zwerge schon im Bett bis ich unters Wasser komme. Da heißt es dann, genießen.

Ja, die Weisheit kommt mit den Kindern.

Bei der Recherche nach diesem Sprüchlein trug mich das Internet zu unendlich vielen Bericht, wie dem meinen. Wir Mamis sind nicht allein. Das ist doch immer schön zu wissen. In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Leser oder Teilnehmer.


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