Bei aller Liebe

Ich glaube, gerade deswegen muss dieser Beitrag geschrieben werden. Vorne weg aber erst einmal, meine Tochter ist ziemlich zuckersüß. Soll heißen, sie sieht absolut süß aus. Das sage ich nicht nur, weil alle Eltern sicher sind, dass sie die schönsten Kinder auf der Welt haben. Nein, auch außenstehende Personen, auf der Straße, haben mir das schon bestätigt. Oft behaupte ich dann: „Sie sieht nicht nur süß aus, sie kann es auch sein. Allerdings hat sie Probleme es anderen zu zeigen.“ Das wurde in den letzten Monaten zu meinem Paradespruch.

Anfangs ist es ja so, wenn sie noch ganz klein sind, gerade frisch geschlüpft und auch stimmlich noch nicht bei voller Kraft, dass sich keiner Gedanken macht, wenn die Minis mal weinen, jammern und schluchzen. Dann kommt aber der Moment, in dem die Kleinen schon laufen können. Und lauter werden, wenn sie etwas einfordern. Und eben bereits ins Stadium Kleinkind wechseln, so dass sie von Außenstehenden nicht mehr den Babybonus bekommen. Seitdem bringe ich eben auf dem Spielplatz und anderswo meinen Paradespruch. Um alle Angebrüllten zu besänftigen. Denn meine Tochter lockt mit ihrem süßen Aussehen Menschen an. Und berstet dann. Laut! Sie möchte nämlich nicht angesprochen werden.

Denn meine Tochter ist vielleicht süß, aber vornehmlich ist sie das, wenn sie mich für sich ganz allein hat. Allround. Wenn es so läuft, wie sie es möchte. Und wenn sie keine „Fremden“ anquatschen. Leider können auch Omas und Tanten von ihr zu Fremden erklärt werden. Sie ist in ihrer Kalkulation ziemlich unberechenbar. Doch wir spüren den Hauch einer Besserung. Der Kita sei Dank.

Trotzdem muss ich es so sagen, wie es ist. Und das bei aller Liebe zu meinem Kind. Meine Jüngste ist anstrengend, dass es einem die Zehennägel nach oben kräuselt. Daher auch der Beitrag. Er entsteht nach einem, mal wieder sehr anstrengenden, auszehrenden und nervenraubenden Tag mit viel Geschleppe, Geheule, Gekreische und auf dem Boden endenden Wutausbrüchen. Und sie ist noch nicht einmal drei.

Eigentlich fies. Da ist man schon wieder stinkig uff de Muddi und die macht auch noch Fotos von einem.

Er entsteht nicht, um Mitleid einzusammeln, sondern in dem Wissen, ich bin nicht allein. Und in dem Wissen, ich kann das so cool sagen, weil das Kind Nummer Zwei ist, über das ich gerade schreibe. Und in dem Wissen, es gibt Mamis da draußen, die nicht das Glück hatten, wie ich zum Üben zuerst ein „Anfängerkind“ zu bekommen. Und falls sich eine Mama da draußen mit ihrem extrem anhänglichen kleinen Zwerg alleine fühlt, dann liest sie das hoffentlich und weiß, dass es nicht nur ihr so geht. Dass es dort, in der großen weiten Welt noch andere Muttis gibt, die wegen alltäglichem Nervenkollaps überspannte Runden um den Block rennen müssen, weil sie sonst vor lauter innerlicher Hochspannung ein Guckloch zum Nachbarn in die Wand boxen. Und das bei oder besser trotz aller Liebe.

Das ist mir wichtig, denn die Woche hat erst zwei Tage und diese Tage waren voll mit Sätzen von anderen Müttern, die da ungefähr lauteten:“ Jetzt nehme ich das aber persönlich!“ „Wollt ihr nicht ne Runde spazieren gehen!“ Oder direkt zu meiner Tochter mit Augenrollen: „Ach hast du mal wieder ein Tränchen rausgedrückt?!“

Liebe Mamis mit den entspannten Kindern da draußen, zu erst einmal gratuliere ich euch wirklich aufrichtig. Mein Großer ist auch so ein unglaublich ausgeglichenes Kind. Und ich weiß, dass das ziemlich nervenschonend sein kann. Aber in der Tat verbringe ich auch vollkommen schöne Momente mit meiner nähesuchenden und anspruchsvollen Tochter. Und nervtötend sind dann tatsächlich nur die Kommentare. Von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. Nämlich von anderen Müttern!?!?Durch meinen entspannten Sohn weiß ich, auch diese Kinder können mal so richtig auf den Putz hauen. Meine Vermutung ist ja, dass bei euch zu hause auch der Teppich brennt und ihr nur froh seid, dass es nicht euer Kind ist, dass in aller Öffentlichkeit den Spielplatz zusammenbrüllt.

Diese Ruhe auf Bildern! Auch wenn der Spielplatzbesuch ganz anders war.

Leider bin ich oft, nachdem meine Tochter bereits einen halbstündigen (oder noch länger) Tobsuchtsanfall hinter uns gebracht hat, nicht mehr in der Lage eure Kommentare so souverän zu bewerten, wie nun hier im Beitrag. Sondern ich fühle mich noch mehr unter Druck, dass meine Tochter ruhig ist. Und ich fühle mich noch unglücklicher, über die ganze Situation, die keine sozialen Kontakte zulässt. Ganz einfach, weil keine Kommunikation möglich ist. Einmal brüllt mir ein Kleinkind seine schlechte Laune ins Ohr. Das andere, die Kommunikationsbasis sind nur solche Kommentare wie oben genannt. Besonders leid tut es mir um meinen Sohn. Der mit seinen Kumpels spielen will und als erster aus dem Spiel gepfiffen wird, weil seine Schwester wieder tumultet. Und uns gezeigt wird, dass das nervt.

Irgendwann komme nämlich auch ich an den Punkt, an dem ich keine Nerven mehr habe und nur heim möchte. Dort besteht nämlich die Möglichkeit auf ein wenig Ruhe. Denn, wenn ich mich neben meine Tochter setze und mit ihr spiele, dann ist für sie alles gut.

Ich sollte nur nicht aufstehen wollen. Oder auf die Toilette müssen. Oder mit ihrem Bruder Hausaufgaben machen. Oder, oder, oder. An besonders schlechten Tagen kommen dann die richtigen Ausraster. Seit dem weiß ich, was der Ausspruch bedeutet „am Rockzipfel der Mutter“ zu hängen. Da ich selten Röcke trage, zieht sie mir fast die Hosen aus, weil sie sich an meinen Beinen festkrallt. Schweißgebadet und mit vollkommen rotem, verweintem Gesicht. Absolut aufgelöst und in einer Lautstärke, bei der jede Metalband neidisch wäre, „sagt“ mir meine Tochter, dass nur „auf meinem Arm“ der Platz ist, an dem sie jetzt sein möchte. Am liebsten 24 Stunden den Tag. Da hilft mir auch der ungefragt Rat der älteren Dame auf der Straße nicht, die sagt: „Da müssense hart bleiben.“

Nö! Muss ich nicht! Um unserer beider Nerven Willen. Klar, kann ich sie nicht ständig rumtragen. Und manchmal hilft tatsächlich nichts anderes als ihr Veto zu ignorieren. Gerade dann, wenn ich merke, es geht nur darum ihre Grenzen auszutesten. Wenn ich aber als Mama merke, dass sie etwas wirklich stresst, dann werde ich den Teufel tun und mich gegen ihren Willen stellen.

Liebe Mamas, die auch so ein anhängliches, kleines Wesen haben, die uns fast an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben, wir sollten uns klar machen, dass unsere Kinder einfach ganz genau wissen, was sie wollen. Es aber noch nicht ausdrücken können. Und aufgrund dessen ausflippen. Ich wünsche mir so oft einen Babyübersetzer, um uns das Leben zu erleichtern. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir es irgendwann mal leichter haben werden.

Auch wenn ich oft Tage habe, an denen ich einfach mal aus dem Raum muss, um nicht vollkommen im Kreis zu springen. Und ich mir einen sechsmonatigen Karibikurlaub wünsche. So weiß ich doch, dass ich eine zuckersüße kleine Maus habe. Dass ich mit ihr viel Glück habe, da sie später mal mit beiden Beinen im Leben stehen wird. Weil sie einfach weiß, was sie will und was nicht. Und wenn ich mir heute die Mühe mache und auf sie eingehe und ihr nicht suggeriere, dass ihre Gefühlsausbrüche vollkommen falsch sind. Dann hat sie die Möglichkeit sich dieses Selbstbewusstsein auch für ihr Erwachsenendasein zu bewahren. Und auf die anderen Sprücheklopfer können wir ’nen Kakao trinken. Oder ich vielleicht einen Rotwein. Hier sage ich dann nur: „Stößchen auf uns Mamis, die auch die anstrengenden Phasen wegstecken. Und ein Hoch auf die Leute, die sich bei einem weinendem Kind einfach sagen: „Die können sich halt noch nicht anders verständigen.“ Für diese Menschen bin ich wirklich sehr dankbar. Und ich denke, auch jeder anderen Mutter wird durch so jemanden der Tag versüßt. Diese Menschen helfen selbst mir als „Mami im Stress“ meine Tochter besser zu verstehen.

Ein kleines Beispiel:

Highlight am Tag. Der Spaziergang zur Kita. Am besten schon im Schlafanzug los!

Meine Tochter liebt es zu laufen. Ihr persönliches Highlight ist der Spaziergang zur Kita. Einmal kam es so, dass wir, als wir das Haus verließen, direkt vor unserer Tür auf eine Bekannte stießen, die auch ihren Sohn in die Kita brachte. Meine Jüngste schaute betreten zur anderen Seite und lief ein Stück an meiner Hand. Ohne die beiden eines Blickes zu würdigen. Ich schnatterte freudig über die Möglichkeit einer Unterhaltung. Bis meine Tochter anfing zu weinen. „Hach!!“ dachte ich. Und wollte schon wieder meinen Stresspegel der anderen Mutter und meiner Tochter gegenüber hochfahren. Ich kann von Glück sagen, dass meine Bekannte hochentspannt ist und ein richtiges Feeling schon für die ganz Kleinen hat. Sie meinte nur: „Och Mensch, du hast dich so gefreut, dass du mit Mami laufen kannst. Und nu bist du traurig, weil wir nur rumschnattern und dir den Spaziergang vermiesen. Wir gehen jetzt mal vor, dann kannst du den Rest des Weges noch genießen!“ Gesagt, getan. Und meine Tochter war augenblicklich wieder glücklich und zufrieden. Für alle die jetzt die Augenrollen und meinen, als Mutter wird man sich ja mal unterhalten dürfen. Wir zwei Mamis trafen uns dann natürlich fünf Minuten später noch einmal in der Kita und gingen, nachdem wir unsere Minis abgeliefert hatten noch kurz einen Schnatter-Kaffee trinken. War also alles gut. Für alle.

Denn eins sollte uns Muttis klar sein. Es ist nicht immer nur eine Bockphase. Manchmal liegt es in unserer Hand eine Situation zu lösen. Auch wenn es nicht immer ganz so einfach zu erkennen ist, worum es jetzt gerade geht. Manchmal schneide ich einfach ein Brot falsch durch. Und uns Muttis sollte klar sein, anderen Leuten gegenüber haben wir erstmal keine Verpflichtung. Ich gehe jetzt davon aus, dass keiner mit seinem brüllenden Kind für eine halbe Stunde in die Bibliothek geht, um andere absichtlich zu nerven. Ich spreche jetzt von Gefühlsausbrüchen, die uns Eltern auf der Straße überraschen. Hier sollten uns die anderen erstmal egal sein. Das kennt man ja auch. Man möchte den Zwerg schnell still bekommen, weil man die anderen nicht stören will. Ich bin ehrlich, aus Erfahrung weiß ich nicht, wie das auf dem Land ist. Aber wer in einer Großstadt sein Kind ruhig stellen möchte, um die anderen nicht mit Kinderlärm zu belästigen…. SOOORRYYYY! Hier gehört Kinderlärm mitunter zu den hübscheren Geräuschen.

Allen anderen, die ihr Kind gerade daheim abgestellt haben oder eben ohne glücklich sind, denen sollte klar sein. Wenn wir mal wieder ein brüllendes Kind auf der Straße, in der Bahn, an der Supermarktkasse oder sonst wo sehen. Wir sehen nur einen Auszug. Und wir wissen nicht, wie lange sich die Mami das schon geben muss. Und wir wissen nicht was war. Und einer Mutter, die eh schon unter Stress steht, weil sie möchte, dass es ihrem Kind gut geht. Die auch möchte, dass ihr Kind keinen Grund zum weinen oder ausrasten hat. Dieser Mama ist nicht damit geholfen, wenn man ihr noch einen „hilfreichen, überheblichen, genervten, besserwisserischen“ Spruch an die Backe klatscht. Wenn man also nichts zur Besserung der Situation beitragen kann, wie Kind fröhlich ablenken, Mutti mal den Kinderwagen halten oder so. Dann ist „einfach mal die Schnute halten“ das beste was man tun kann. Übrigens, genervte Blicke sind auch gestrichen. Wem das Entspannt bleiben zu viel Anstrengung im Alltag ist, der kann ja mal zum hüpfen kommen. Das mach ich immer, wenn es bei mir mal wieder zu anstrengend und nervenaufreibend war. Und kein Rotwein im Haus ist. Dann geh‘ ich aufs Trampolin und spring die töchterlichen Ausraster und die Kommentare in die Matte. Na so was, vielleicht treffen wir uns ja dann alle in entspannter Atmosphäre wieder und können uns alle lieb haben?!

In diesem Sinne freue ich mich auf euch. Ob als Teilnehmer oder Leser.


2 Gedanken zu “Bei aller Liebe

  1. Mein Sohn wird im Juli 23 Jahre alt und er war wie dein Sohn. Mit allem zufrieden, glücklich und zufrieden. Seine Trotzphase dauerte ganze 10 Minuten. Da war er 4, stand bzw. lag im Edeka auf dem Boden und strampelte und trommelte mit Händen und Füßen auf den Boden, weil er nicht bekam, was er begehrte. Ich war so genervt, dass ich mich daneben gelegt und ihn nachgemacht habe. Lauthals nach Süßigkeiten brüllend. Er sah mich an, fragte entsetzt „Mama?“ stand auf, nahm mich an die Hand, wischte die Tränen weg und zog mich weg. Er hat sich sehr geschämt und das nie wieder gemacht.
    Ansonsten war er sehr pflegeleicht.
    Mit persönlich würde nie einfallen, andere Mütter zu belehren, eben weil ich nicht weiß, was sonst den Tag über passiert ist. Jedes Kind ist anders. Meine Freundin hatte ein sog. Schreibaby. Kerngesund. Niemand hat heraus bekommen, warum es den ganzen Tag gebrüllt hat. Ich hab es ihr manchmal abgenommen, damit sie mal zur Ruhe kam. Die Blicke der Anderen, wenn ich mit meinem Sohnemann und dem brüllenden Baby unterwegs war, waren wie Nadelstiche. So Sätze wie, lass es schreien, dass kriegt sich wieder ein, waren da an der Tagesordnung. Fand ich immer zum Kotzen.
    Du machst das mit deiner Kleinen schon richtig. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s